Ich bereue nichts!
Der Mensch hat ja im Gegensatz zum Tier das Privileg, zwei parallele Lebensläufe sein Eigen nennen zu dürfen. Der eine dient als offizieller Spiegel der eigenen Person gegenüber dem Rest der Welt. Dass es ihn für die verschiedenen Anlässe in mehreren Varianten gibt, sollte auch hinlänglich bekannt sein. Die Kollegenschar und der Chef erst recht müssen gewisse Dinge nicht wissen und den Verwandten- und den Bekanntenkreis geht das Eine oder Andere auch nichts an. So etwas nennt man ja auch nicht lügen, sondern verschweigen und es entspricht den Regionalseiten der Tageszeitung, worin jeder das findet, was für ihn als wichtig erachtet wird
Dieser Lebenslauf verträgt im Laufe der Jahre auch einige rückwirkende Anpassungen, wenn sie dem eigenen künftigen Wohlergehen dienlich sind. Wen interessiert es denn heute, dass man vor über 20 Jahren in der Probezeit gekündigt wurde? Da ist nicht nur schon jede Menge Gras drüber gewachsen, sondern ein ganzes Birkenwäldchen! Die anschließende Arbeitslosigkeit um ein paar Monate verlängert und gut ist's.
Bleibt nur der eigene, persönliche Lebenslauf, über den bestimmt nicht nur ich allein schon öfter nachgedacht habe. Wäre irgend etwas besser, wenn ich früher andere Entscheidungen getroffen oder einen anderen Weg eingeschlagen hätte? Diese Frage ist genauso wenig zu beantworten wie die, welche Wende jetzige oder künftige Entscheidungen dem Leben geben werden.
Ich hätte vielleicht Jurist werden und mich um ein Richteramt bemühen sollen. Dann hätte ich schon recht jung an Jahren ein Gehalt gehabt, von dem andere noch zehn Jahre später träumen und wenn ich nicht unablässig am Dienst-PC Seiten mit großen Hupen aufgerufen hätte, wäre ich bestens versorgt gewesen. Ich hätte versucht, meine Kollegen in der Schwachsinnigkeit ihrer nicht nachvollziehbaren Urteile meilenweit zu übertreffen.
Eine andere Option wäre Bestatter gewesen - nein, nicht wegen des dummen Spruchs, dass immer gestorben wird. Vor dem Bestatter sind alle Menschen plötzlich gleich, es gibt keinen Stress wegen unüberwindbarer intellektueller Differenzen und man hat eine saubere Arbeitsumgebung. Nur war Bestatter damals kein Ausbildungsberuf und Leute mit Abitur wurden dort wie in vielen anderen Berufen nicht genommen. Wenn man sich ansieht, was zum Teil heutzutage von den Realschulen abgeht, wird sich diese Einstellung auch gründlich geändert haben.
Hätte ich Politiker werden sollen? Leider habe ich dafür zuviel Rückgrat und bin auch nicht bereit, über meinen Schatten zu springen. Ich war in der Jugendorganisation einer Partei und durfte erfahren, wie zweifelnde oder nicht einverstandene Mitglieder so lange bearbeitet wurden, bis sie auf Linie waren. Nee, da geht es bei den Zeugen Jehovas noch entspannter zu.
Nein, ich bereue keines der überflüssig abgesessenen Semester beim Studium, keinen der Abende, die bis ins Helle dauerten und wonach ich am nächsten Tag nicht zu gebrauchen war, keine der Freundinnen, auch wenn es mal nur drei Wochen hielt. Auch nicht, dass ich drei Jahre bei einem Zeitarbeitsunternehmen war, denn ohne diese Erfahrung würde ich heute vielleicht jemandem raten, doch besser den Job zu machen.
Hätte ich irgendwann einen anderen Weg eingeschlagen oder mich an einem bestimmten Tag nicht entschieden, den Abend nicht in der vertrauten Kleinstadt zu verbringen und statt dessen nach Wiesbaden zu fahren, hätte ich heute diese tolle Frau nicht.
Ich bereue nichts? Doch, so manches unbedacht gesprochene oder geschriebene Wort. Vor Allem bereue ich, mir nicht die Zeit für Gespräche mit einigen Menschen genommen zu haben, bevor sie von uns gingen. Schließlich bereue ich auch im Nachhinein, bei so mancher wichtigen Entscheidung nicht auf jemand ganz Bestimmten gehört zu haben: Meinen Bauch!
©2008 aartalgeister! Zurück zur Auswahl